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Unser neuer Redaktions-Kollege,

der Heliograf

Neue Software statt neuer Mitarbeiter? Genauer gesagt, eine eigenständig arbeitende Software, die in den Redaktionen der Welt Leserkommentare beantwortet, Titelzeilen erstellt oder gar ganze Artikel verfasst. Was sich zuerst nach Zukunftsmusik anhört, ist bei der „Washington Post“ so normal wie der Kaffeevollautomat im Medienhaus. Deshalb heißt dort der neue Mitarbeiter in der Redaktion nicht etwa Tim, Toni oder Max, sondern „Heliograf“. Wie diese Technik in den Arbeitsalltag des US-Mediums eingreift, welche Rolle die hauseigene Technikabteilung spielt und was das für den Journalismus bedeutet?

Automatisierte Software und Maschinen verändern im Zuge der Digitalisierung unzählige Branchen weltweit. Auch im Journalismus hat der Einzug der genannten Innovationen allmählich stattgefunden. Spätestens seit den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016 hat die Technik beispielsweise ihren Platz im Newsroom der bekannten Washington Post gefunden. Unter dem Namen Heliograf agiert seither ein automatisiertes Content Management System (kurz: CMS). Hierbei erstellt das sogenannte CMS selbstständig bis zu 750 kurze Artikel zu Finanz- und Sportthemen jährlich. Kurze Updates zu Spielständen oder ganze Spielberichte stellen kein Problem dar. Das Ganze zudem in Echtzeit und 24 Stunden am Tag. Dadurch wird den Journalisten auf der einen Seite Arbeit abgenommen, auf der anderen Seite kommen allerdings neue Aufgabenfelder hinzu.

 

Die Software verändert die Arbeit der Journalisten

 

Durch Heliograf hätten die Journalisten der Washington Post weniger Routinearbeiten und mehr Zeit für komplexere Recherchen, betont Strategiedirektor Jeremy Gilbert der Washington Post. Denn auch beim Arbeiten mit dem Heliograf gibt es Tätigkeiten, die nur von Journalisten selbst ausgeführt werden können.

 

Alles was das CMS braucht, sind Rohdaten des Ereignisses, aus denen später der Artikel entsteht. Beim Fußball zum Beispiel die Aufstellungen, Wechsel und Spielstände. Dem Redakteur kommt in dem Fall eine verwaltende Position zu, da er die Spieldaten nur in das System einspeist. Dasselbe passiert bei Finanzberichten. Bei komplexeren Datenmengen können somit leichtsinnige Zahlendreher durch den Menschen verhindert werden.

 

Im Anschluss an den erstellten Bericht durch die Software, kontrolliert der Redakteur den fertigen Text und korrigiert mögliche semantische Fehler. Somit Arbeiten Journalist und Software zusammen. Neben den üblichen journalistischen Fähigkeiten muss der Mitarbeiter der Washington Post dafür auch mit den technischen Anforderungen des CMS fertig werden.

 

Beobachten, melden, schreiben und verteilen, alles in einem Programm.

Mit dem Heliograf-Programm besitzt das US-Medium ein Algorithmus basiertes Content Management System, welche anhand von bestimmten vorgegebenen Indikatoren eigenständig arbeitet. Dabei fällt auch immer wieder der Begriff „Artificial intelligence“ (zu Deutsch: Künstliche Intelligenz). Es analysiert Datenmengen, mögliche Themen, vorherige Artikel zum Thema sowie Schreibstile anderer Autoren, um in Sekundenschnelle einen fertigen Text zu produzieren. Dieser kann vom System sogar selbstständig publiziert werden.

Systeme wie Heliograf sind deshalb Beobachter, Melder, Schreiber und Verteiler zugleich. Dadurch kann die Aktualität von Beiträgen auf eine neue Stufe gehoben werden. Alles mit dem Ziel, das Medium in Zukunft am Markt konkurrenzfähig zuhalten. Dabei erhofft sich die Post bei diesen Herausforderungen einen Schritt voraus zu sein.

• Verarbeitung sowie Aufbereitung von komplexen Datenmengen

• Aktualität von Beiträgen

• Analyse von zukünftig relevanten Themen

• Individuelle Präferenz von Lesern / Abonnenten gemeint

• Kosteneinsparungen durch Software statt mehr Mitarbeiter

 

Jeff Bezos und seine Arcpublishing

 

Eine weitere Besonderheit in Bezug auf Heliograf ist die Herstellerfirma Arc Publishing. Sie stellt die hauseigene Tech-Abteilung der Washington Post dar. Dahinter steckt die Idee von Jeff Bezos, der das Medium im Jahr 2013 kaufte. Durch die enge Zusammenarbeit von Arc Publishing und dem Medium wird die Heliograf-Software stetig weiterentwickelt sowie durch zusätzliche Tools ergänzt.

 

Arc Publishing beschreibt sich auf ihrer Website als „Plattform für Tools“, die speziell für moderne Verlage ausgelegt sei. An dieser Stelle wird deutlich, dass das Unternehmen ihre Technik nicht nur zum Kauf anbietet, sondern diese auch verbreiten möchte.

 

“This thinking permeates across all of the products that are part of Arc Publishing, ensuring the tools we build will help newsrooms be more productive, tell more stories and reach a broader audience,“ sagt Scot Gillespie, Chief Technology Officer bei der Post in einem Interview in 2017. Zudem kann die Post ihre Mitarbeiterkosten senken, da Journalisten nicht zu jedem Termin rausfahren müssen, wenn genug Daten für Heliograf vorhanden sind. Für Scot Gillespie erlaube das den Redakteuren, sich mehr auf ausführliche Berichterstattung zu konzentrieren und nebenbei die insgesamte Fülle an Berichterstattung zu erhöhen. Allerdings drängt sich die Frage auf, zu was das im journalistischen Angebot führt.

 

Mehr Software Nutzung, mehr Billig-Journalismus?

 

Neben Heliograf, nutzt die Washington Post eine Fülle von weiteren digitalen Tools wie „Modbot“ und „Bandito“. Allesamt aus dem Hause Arc Publishing. Hinter dem Namen Modbot verbirgt sich eine Software, die User-Kommentare löscht, wenn sie gegen die vorgegebene Netiquette verstoßen.

 

Bandito dagegen ist ein Analyseprogramm, das geschriebene Texte mit Interaktionen im Internet abgleicht. Aus diesen Daten generiert es anschließend Titelzeilen, die möglichst viele Menschen ansprechen könnte. Werden alle Tools zusammen betrachtet, lässt sich unter dem Strich die Fülle an Beiträgen erhöhen. Diese Artikel sind aber bisher eher simpel aufgebaut. Weiterführend spart dieses Vorgehen zwar Mitarbeiterkosten, erhöht im Gegenzug allerdings die Zahl an einfach strukturierten Artikeln.

„As long as you’re in a high-performing industry like the reporters in the Post newsroom are, where they know what differentiates them from their peers, it’s not work that one can automate — at least not today, and I can’t imagine at any time in the future.“

Jeremy Gilbert, Strategiedirektor bei der Washington Post 

Auszeichnung der KI-Forschung für die Washington Post

 

Wie weit sich die Software von Washington Post und Arc Publishing verbreiten und entwickeln wird, lässt sich noch nicht genau abschätzen. Ein Hinweis, ob sich andere Redaktionen auf der Welt für diese Technik interessieren könnten, liefern die gewonnen Auszeichnungen. 2018 nahm das US-Medium zwei Preise für die Programme Heliograf und Modbot entgegen. In der Kategorie „exzellente Nutzung von Bots“, setzte sich die Technik bei den „Global Biggie Awards“ gegen andere Kontrahenten durch. Die Awards zeichnen jährlich die beste Nutzung von KI-Technik unter Medienunternehmen auf der ganzen Welt aus.

Wird der Journalist von einer Computer-Software abgelöst?

 

Jeremy Gilbert sagt zu dem Thema in einem Interview des Radio Senders Channel 103 folgendes:

„As long as you’re in a high-performing industry like the reporters in the Post newsroom are, where they know what differentiates them from their peers, it’s not work that one can automate — at least not today, and I can’t imagine at any time in the future.“

Es klingt wahrscheinlich, dass sich KI-Programme wie Heliograf in die Redaktionsarbeit im Journalismus langfristig integrieren werden. Nur lässt sich nicht abschätzen, wie schnell sich diese Technik entwickelt. Eins bleibt jedoch unwahrscheinlich, dass Journalisten in mittlerer Zukunft von KI-gesteuerter Software verdrängt werden – außer sie wissen nicht mit dem neuen Aufgabenfeld umzugehen.

 

Max Lehmann

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